Leutgeb Joseph - die Wahrheit
Joseph Leutgeb
Leutgeb-Story
Joseph Leutgeb, der Hornist für den Mozart seine Konzerte schrieb, bedeutet für uns Hornisten sehr viel. Deshalb soll die Lebensgeschichte des oft als „geistig beschränkt“ hingestellten Musikus richtig gestellt werden. Mir liegen nach kurzen Nachforschungen ganz neue Erkenntnisse vor, die von vielen Musikologen-Schreiberlingen gerne übersehen wurden, da sie ihnen höchst unwillkommen gewesen wären. Meist wurde gar nicht geforscht, sondern nur der Unsinn anderer weiter abgeschrieben. Es gab allerdings auch Ausnahmen wie Ernst Hintermaier und den von ihm 1972 zitierten Karl Maria Pisarowitz oder Michael Lorenz. Ich bin nun den Informationen Karl Maria Pisarowitz´ und Ernst Hintermaiers, in die sich leider auch Rechenfehler eingeschlichen haben, nachgegangen. Außerdem versuche ich, die scherzhaften, unter engen Freunden wahrlich nicht beleidigenden oder herabsetzenden Bemerkungen Wolfgang Amadeus Mozarts mit dem musikalischen Text im D-Dur Rondo K.514, das ich schon vor der Deutschen Mozart Gesellschaft in Krakau 1979 aufstöbern durfte, in Übereinstimmung zu bringen.
Nun erst einmal die Fakten:
Seit C.F. Pohl´s auf Grundlage der Societäts-Acten bearbeitete Denkschrift aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens der Tonkünstler-Societät, im Jahre 1862 reorganisiert als „Haydn“, Witwen- und Waisen-Versorgungs-Verein der Tonkünstler in Wien, 1871 erschien, kennen wir Geburts- und Todesdatum Joseph Leutgebs, der allerdings im Societätsverzeichnis unter der Mitgliedsnummer 146 mit Eintritt 16. November 1787 fälschlicherweise als „Ignaz“ Leutgeb eingetragen ist. Damals war er, endlich wieder in fester Anstellung, Mitglied der Hofkapelle des Fürsten Grassalkovich in Pressburg, wohnte aber nach wie vor mit seiner zweiten Frau im eigenen Haus in Altlerchenfeld No.32, heute Wien VIII., Blindengasse No.20. Das Haus hatte er zusammen mit seiner ersten Frau Barbara geb. Plazzeriani am 6. Februar 1779 als Meistbietender ersteigert.
Leutgeb wurde am 8. Oktober 1732 in Wien Neulerchenfeld, Pfarre St.Ulrich (Maria Trost) geboren. Er starb am 27. Februar 1811 in seinem Haus Wien Altlerchenfeld No.32. Aus der Jugend Joseph Leutgebs und von seinen Eltern und deren Herkunft ist vorerst nichts bekannt, da die Kirchenmatrikel der Wiener Pfarre Neulerchenfeld gerade in den Jahren der Geburt Leutgebs kriegsbedingte Lücken aufweist. Jedenfalls ist er in der Mitgliederliste der Haydn-Societät unter der Mitgliedsnummer 146 mit geboren am 8. Oktober 1732 eingetragen. Dittersdorf, sehr von Prinz Friedrich von Sachsen-Hildburghausen, dem erfolgreichen General und Ehemann der sehr viel älteren, aber steinreichen Nichte Prinz Eugens von Savoyen, gefördert, berichtet von einem Konzertabend im Wiener Palais des Prinzen, bei dem er „einen Leutgeb auf einzelnem Waldhorn zu hören bekam“. Es ist aber ein Leutgeb ohne Vornamen. Es stellt sich im Verlauf der Forschung heraus, daß es auch einen Hornisten Leopold Leutgeb gab, der vom 2.Oktober 1779 bis zum 9. April 1784 erst ohne Vornamen dann als Leopold Leutgeb in den Rechnungsbüchern der k. k. Hoftheater als 2. bei den Corni auftaucht und mit einer Dreimonatsbesoldung in der Höhe von 87,30 Gulden als Abfertigung aus dem Dienst scheidet. War es etwa ein Bruder unseres Joseph Leutgeb ? Andererseits wurden „dem Leutgeb Joseph, Waldhornisten, für extra Dienst statt des erkrankten (1. Hornist am Nationaltheater Jakob) Eisen 31 fl. ausbezahlt“.
Wir haben keine Erkenntnis bezüglich der musikalischen Ausbildung Leutgebs. Er taucht eben plötzlich erstmals im Bericht Dittersdorfs über die Konzerte im Sachsen-Hildburghausenschen Palais in Wien auf. Zwischen 1761 und 1763 erscheint Leutgeb als Hornvirtuose mehrfach in den Programmen des Hofburgtheaters mit Werken von Leopold Hofmann, Dittersdorf sowie von Joseph und Michael Haydn (Philipp Gumpenhubers Repertoire der Aufführungen im Hoftheater, das ich an der Universität in Salzburg einsehen konnte.).
Burgtheater (Theater an der Burg)
1757: im Orchester 1 Basson + 2 Corns de Chasse (Starzer und Daniel Ruscher)
1758: p.39 Orch. Cornes de Chasse Winckler + Stadler
1759: p.84 Corns de Chasse Starzer & Daniel Ruscher
1761: 27.Nov. Le 2e Academie de Musique ont chant
p.70 Le S.r Leitgeb sur le Corn de Chasse
Kärntnerthortheater 1761 p.5 Cornes de Chasse Starzer le Pere et Starzer le Fil(s)
1762
Ven.15.01. Academie de Musique
Sig. Leitgeb joue un Concert sur le Cor de Chasse
Sam.16.01. Le Matin. Repetition de Cythere assiegee avec les Choeurs et deux Cors de Chasse extraordinaires et trombettes
Ven.29.01. Le S.r Leitgeb sur le Cor de Chasse, Charles Ditters sur le Violon
02.03.1762 Leitgeb sur le Cor de Chasse
2.e Academie de Musique
Toutes les Pieces ont de entremelees des symphonies
La 2° di Sr.Hoffmann
09.03.1762 Leitgeb sur le Cor de Chasse
La 5° Academie
März 1762, Hörner Gretsch & Keyser
12.04. Cors Leitgeb & Heger
Etat de Musique
Mer.11.05. Leitgeb sur le Cor de Chasse au nouveau de la Compositions du Sr.Hoffmann
Ven.02.07. Le Sr Leitgeb sur le Cor de Chasse de la Composition de Sr.Michel Hayde, Toutes les pieces
08.08.1762 Concert joue le S.ieur Leitgeb un nouveau sur le Cor de Chasse
Ven.10.12. Le Sr Leitgeb sur le Cor de Chasse
Hat die Patenschaft Apollonia Haydns für Barbara Leutgeb etwa mit der Aufführung von Haydns drittem Hornkonzert Hob.VIId/3, das Haydn 1762 „im Schlaf“ komponierte und das uns heute als 1.Konzert in D-Dur geläufig ist, zu tun ? Dann wäre Leutgeb nicht der „Secundhornist“ gewesen, sondern eher ein „Primhornist“ oder der „Universalhornist“ mit einem besonders guten hohen Register. Hat er Haydns Konzert etwa in der Aufführung im (alten) Burgtheater uraufgeführt ? Was hat er von Dittersdorf gespielt ? Da würden hohe Divertimenti passen. Von Leopold Hofmann habe ich da etwas gefunden. Jedenfalls war Joseph Leutgeb in dieser Zeit angeblich der meistgefragte freischaffende Hornist in Wien. Der Aufnahmeakt Leutgebs in die Haydn Societät ist wie fast der gesamte Aktenbestand verschollen. Vor seinem Engagement in Salzburger Diensten trat Leutgeb auch mehrmals in oder mit der von Joseph Haydn geleiteten Hofkapelle des Fürsten Esterhaz auf. Es war aber nur ein einmonatiges Gastspiel.
Joseph Leutgeb und Barbara, die Tochter des bürgerlichen (welschen) Käse- und Wursthändlers Blasius (Biagio) Plazzeriani [Kas-Stecherey] und dessen Frau Catherina, beide noch am Leben, wurden am 2. November 1760 von Pater Johannes in der damaligen Vorstadtpfarrei St. Ulrich (Altlerchenfeld) getraut. Während Braut und Brauteltern in der Pfarre zuhause waren, kam Joseph Leutgeb aus der unmittelbar benachbarten Pfarre Neulerchenfeld. Der Heiratseintrag dokumentiert dies auf Seite 154 im 24. Band (1759/62) wie folgt:
„Josephus Leütgeb, ledigst(ands), ein Musicus, wohnhaft in Neü-Lerchenfelder-Pfarr, gebürtig aldort …“. Das „gebürtig aldort….“ kann wegen des kriegsbedingten Verlustes (1945) gerade des Matrikelbandes mit dem Jahr 1732 nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Vielleicht finden sich dazu in den angefragten Unterlagen noch Hinweise. Ein Eintrag zu dem Hornisten Leopold Leutgeb in den Jahren davor oder danach wäre mehr als eine Sensation. Könnte es ein Bruder, Cousin oder sonstiger Verwandter gewesen sein ? Der Heiratseintrag fährt fort:
„… Nimbt zur Ehe die Ehrn und Tugendsame Jungfr[au]: Barbara Plazzeriani-in, wohnhaft in [im] Heyl[igen]: Geist [Hausname!] im [Alt-]Lerchenfeldt, gebürtig allhier, des Blasy [Blasius] Plazzerinani, eines burg[erlichen]: Käß- und Wurstmachers, und Catherinae dess[en]: Ehewürthin, beed noch in [im] Leben, erzeugte Tochter. Test[es]: H[err]. Gottfried Zehr, k.k. Täts[Tax]-Ambts-Officiant in d[er] Statt [Wien]: H. Paul Marelli, bur[erlicher] Leim-sieder, in [im] Heyl[igen] Geist l[erchen].f[eld]. Cum Dispensione [aufgebotsbefreit]. Cop[ulati]. Die 2:gbris/1760/. R[everendus].P[ater].Johannes“
Lt. Auskunft der Pfarrei war es der 26. Oktober 1760. (Angaben in [ ] sind Ergänzungen.
Dem jungen Paar hat es mit der Heirat offenbar ziemlich pressiert, wurde doch der Erstsproß Ernst Leutgeb, der dann vor seinem Vater gestorbene spätere Uhrmacher, noch Ende 1760 oder gleich am Anfang 1761 geboren. Altlerchenfeld ist heute der VII. Wiener Gemeindebezirk, während Neulerchenfeld unmittelbar benachbart den XVI. Wiener Bezirk bildet.
Vor Leutgebs Übersiedlung wurde die erste Tochter, Anna Maria Katharina, deren Taufpatin Joseph Haydn´s freigiebige Gattin Maria Anna Apollonia sein sollte, geboren. Haydn war übrigens, da am 7. März geboren, nur knapp sieben Monate älter als Leutgeb. Das Haydn-Ehepaar schloß einen Monat nach den Leutgebs in St.Stephan (26. Nov.1760) den Bund fürs Leben. Leutgeb und Haydn waren sicher schon seit der Frühzeit Haydns in Wien miteinander gut bekannt. Man kannte sich damals in der relativ engen Welt der Musiker einfach von vielen Gelegenheiten her. Wie heute auch sprach sich Qualität stets herum.
Taufbuch St. Ulrich: Taufband 30 (1760/62) Seite 314:
„Josephus Leüthgeb, ein Musicus in der golden(en) Aul (Eule) allhier/ Barbara ux(oris). Infans: Anna Maria Catherina / 3. julius 1762 / Matr(ina): Frau Maria Anna Haydenin mar(ita): H(err). Joseph, CapellM(ei)st(e)r von Fürst Esterhaz, abs(entibus)”
Angeblich verstarb diese Tochter bald.
Bald darauf dürfte die Leutgeb-Famile nach Salzburg aufgebrochen sein, da der musikbegeisterte Fürstbischof Sigismund III. Christof Graf von Schrattenbach Leutgeb ins Hoforchester verpflichten ließ. Der ganz junge Mozart und Vater Leopold Mozart könnten Joseph Leutgeb mit ziemlicher Sicherheit bereits 1762 in Wien kennengelernt haben. Vielleicht haben Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart den Joseph Leutgeb sogar mit dem Haydn Konzert gehört.
Nun war dann Leutgeb zehn Jahre lang Jägerhornist und Violinist in der Salzburger Kapelle. Leutgeb erhielt eine Besoldung von 300 Gulden jährlich., wie wir aus der 1769 eingereichten Beschwerde des Salzburger Gesangsrepetitors und Hofsängers Joseph Nikolaus Meißner (1728-95) erfahren: „… Ich genüsse nicht mehr besoldung als andere, nemlich monatlich 25 fl. (Gulden), wo doch ein Leitgeb, der nur ein Instrumentist, sohin nicht in den halben Fälle, wie Ich zu gebrachen ist, monatlich 30 fl. zu erhollen hat…“ (W. Rainer: Anton Cajetan Adlgasser, in Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde“, Salzburg 1965, Bd.105, S.218). Das ergäbe für Leutgeb ein Jahressalär von 360 fl. , das dreieinhalbfache Salär eines Taglöhners, also ungelernten Arbeiters. Die Einkünfte festangestellter Hornisten in Wien oder München waren mit meist dreihundert Gulden jährlich das ganze siebzehnte Jahrhundert hindurch eigentlich festgeschrieben und somit auch nicht höher. Mozart erhielt in Salzburg ein Anfangsjahresgehalt von 150 fl. Später, als Hofkompositeur des Kaisers betrug sein Jahresgehalt 800 fl.
Leutgeb dürfte auch Johann Michael Haydn nach Salzburg empfohlen haben (siehe die Romance des K.447 in der "Reconstruction" von Michael Haydn, heute in der Musikbibliothek der Bayerischen Staatsbibliothek in München.
W.A. Mozart muß sich mit dem „Hornistenonkel“ ziemlich schnell angefreundet haben, da er ihn doch schon auf der großen Westreise der Familie Mozart bereits in Augsburg schmerzlich vermißt. Am 14. September 1763 wurde Joseph Leutgeb zum dritten Male Vater. Sein Frau schenkte ihm wieder einen Sohn, Johann-Anton-Franz (Leitgeb); Taufpate: Johann Anton Kolb, Senator und bürgerl(icher). Handelsfacteur[(Fürst-)Erzbischöfl. Dompfarramt, Taufb. IX]. Wolfgang Amade nimmt später in Wien auf ihn Bezug (23. März 1782), als er seinem Vater durch Leutgebs Sohn, der mit dem Postwagen nach Salzburg reiste, einige Sachen für die Familie mitgeben wollte:
„mir ist sehr leid, dass ich erst gestern erfahren habe, dass ein Sohn vom Leitgeb mit dem Postwagen nach Salzburg geht, und ich folglich die schönste gelegenheit hätte/: ohne unkösten :/ihnen vieles zu schicken. - … Nun muß ich schließen, denn der Leitgeb wartet schon auf den brief. – den Burschen empfehle ich Ihnen wirklich, mein lieber Vatter – er möchte ihn gerne in eine Handlung, oder in die Buchdruckerey bringen. – gehen sie ihm doch ein wenig an die hand. – Ich bitte Sie.“ – und noch am 8.Mai: „…wegen dem armen (Vater) Leitgeb haben sie noch ein wenig gedult, ich bitte sie; wenn sie seine umstände wüssten, und sähen wie er sich behelfen muß, würden sie ganz gewis(s) mitleiden mit ihm haben. Ich werde mit ihm reden, und ich weis(s) gewis(s), er ihnen, wenigstens nach und nach zahlen wird: ….“
Hatte dieser Sohn vielleicht etwas mit jenem Anton Leutgeb zu tun, der Constanze Mozart nach dem Tode ihres Mannes bei der Sichtung der Papiere und Noten half ? Aus der ersten Leutgeb-Ehe entspossen noch zwei weitere Kinder: Maria Anna Barbara (* 2. Nov. 1765 in Salzburg, † nach 1811, Taufpatin: Maria Ursula Kolb, Gattin des schon erwähnten Salzburger Ratsherrn Johann Anton Kolb; verheiratet mit dem Tanzmeister N. Bauckinger in Wien) und Friedrich Joseph (* 4. Feb. 1773 in Salzburg, † nach 1811 in Wien) wurde also während Leutgebs Abwesenheit – er war gerade bei den Mozarts in Mailand – geboren. Später ergriff er den Beruf eines Bandmachers auf der Wieden (4. Wiener Bezirk) (erwähnt in der Verlassenschaftsabhandlung nach seinem Vater (Hackl: Stadtarchiv Wien, Bemerkung 36). Im Taufbuch der Dompfarre Salzburg befindet sich der Eintrag in Band IX, Seite 308 (G.Croll). Der Sohn Leutgebs wurde nach seinem Paten benannt: „Fridericus Josephus Schmid, Stadtgerichtsprocurator“ aus Kloster Michelfeld in der Oberpfalz
(Ernst Hintermaier, Diss. 1972 „Die Salzburger Hofkapelle von 1700 bis 1806 Organisation und Personal“).
Aus der Salzburger Zeit Leutgebs gibt es Berichte zu seinem Salär und zu den Kunstreisen, zu denen der Fürstbischof ihn beurlaubte, sowie zu familiär bedingten Fahrten nach Wien. Anscheinend hielt sich Leutgeb vor dem 25. Oktober 1767 längere Zeit in Wien auf, da Leopold Mozart am 29. November 1767 an Lorenz Hagenauer in Salzburg schrieb: „dass herr hayden, herr Leitgeb … uns besuchten … bevor ich aus Wienn gegangen …“ Am 25. Oktober war nämlich Familie Mozart wegen der sich ausbreitenden Pockenepidemie aus Wien nach Olmütz in Böhmen geflüchtet. (W. Rainer: Anton Caj. Adlgasser …)
Im Winter 1769/1770 wurde Leutgeb Urlaub für eine seiner „Kunstreisen“ gewährt. Kunstreisen waren in jener Zeit oft gerne gewährte Absenzen, da sie den Ruhm der jeweiligen Kapelle und damit des adeligen Herrn und Inhabers diese Kapelle mehren konnten. Leutgebs Reise fühte ihn u.a. auch nach Frankfurt am Main, wo er zusammen mit dem Konzertmeister der Kapelle Herzog Clemens von Bayern in einem Konzert auftrat und großen Erfolg erntete, wie die Postzeitung in Frankfut darüber berichtete:
„Unsere Stadt rechnet sich mit bestem Fug zur Ehre, dass die berühmtesten Künstler und Virtuosen solche zu einem Schauplatz erwählen, um ihre Vorzühge und Talente den Kennern bekannt zu machen. Wir haben ohnlängst (19. und 22. Jänner 1770) das Glück gehabt, den Herrn Holtzbogen [1727-1775] Concertenmeister des Herzogs Clemens von Bayern, Hochfürstl(iche). Durchlaucht, auf der Violin, wie den unseren Gegenden schon bekannten [!] Waldhornisten des Hochfürstlich Salzburgischen Hofes, Herrn Leitgeb, auf dem Waldhorn, in einem öffentlichen Konzert zu bewundern. Beyde seynd in ihrer Art von einer so ausnehmenden Stärke, dass sie den Beifall aller Zuhörer erworben haben.“ (Robert Münster: Johann Georg Holzbogen / Kurfürstl Hofkompositeur aus Schwandorf, in „Oberpfälzer Heimat“, Bd. 9 – 1964 -, S. 43-48)
Hier wurde wieder einmal etwas übersehen: „ ….wie den in unseren Gegenden schon bekannten …..“. Das heißt ganz einfach, daß Leutgeb schon vorher in hessischen Landen oder zumindest in Frankfurt am Main aufgetreten sein muß. Es ist wieder ein Beweis dafür, daß Leutgeb sicher zum Kreis der großen Solisten seiner Zeit gehörte.
Konzert in Paris
Ende April oder ganz früh im Mai 1772 bittet Leutgeb („Joseph Leitgeb, hochfürstl(icher), Hofwaldhornist alhier“ um einen vierzehntägigen Urlaub „Zumahlen meine Ehewirthin (Barbara), auf Anverlangen ihrer kranken Mutter (Catherina Plazzeriani), sich vor 5 Wochen nacher Wienn, alwo sie sich Dato befindet, begeben und ich Endesunterthänigster nunmehro auch von meiner Schwiegermutter verlanget werde, um mich vielleicht das letzte mahl zu sehen, und wegen ihrer Verlassenschaft (!) das richtige herzustellen …“
Dieser Sonderurlaub wurde am 8. Mai 1772 vom Erzbischof unter der Bedingung, dass bei nichterfolgter Rückkunft die Besoldung einzustellen sei (Landesarchiv Salzburg: Hofzahlamt 1772), gewährt. Es war jener Graf Hieronymus Colloredo, mit dem auch W.A. Mozart seine speziellen Erfahrungen machte.
Am 14. und 28. November des gleichen Jahres schrieb Leopold Mozart seiner Frau in Salzburg: „…H(err): Leutgeb (!) will also nach Rom gehen?- - Ich soll ihm schreiben ob hier (Mailand) etwas zu machen wäre? - - dies ist hart zu sagen! …“ und später „…<Sage (dem) H(errn): leitgeb, er soll ke(c)k nach mayland kommen, dan (denn) er würde sich gewiß ehre machen, aber bald.> Ich bitte sage es ihms, dan es liegt mir daran. Adieu.“
Aus dem gleichen Jahr gibt es noch weitere zehn Erwähnungen in fünf Briefen Leopold Mozarts aus Mailand und fünf Briefen dann aus Wien. Der aus salzburgischen Diensten geschiedene vierzigjährige Hornvirtuose muß am Zenit seiner Laufbahn angelangt sein.
9. Jänner 1773: „Ich bin verwundert, dass H: Leutgeb (!) nicht eher von Salz(burg): abgereiset, wenn er schon einmahl solche Gedanken hatte…“ 23. Jänner: „..dem Wolfg(ang): ist leid, dass der Leitgeb zu späth kommt, und seine opera (Lucio Silla: 26.Dez. 1772 !) nicht mehr höret…“ (Nachschrift W.A.Mozarts an seine Schwester: „..il sig(nore): leitgeb e partito tante tardi da salisburgo, che non trovera piu in scena la mia opera, e forse non ci trovera nemeno, se non in viaggio…“ 6. Februar: „… der leitgeb ist noch nicht hier angelangt…“ 13.Februar: „..H:Leutgeb ist vor 8 täg (5.Februar 1773!) abends spät angekommen. Den Sonntag darauf kam er zu uns. Dann hab ich ihn 2 Täg nicht mehr gesehen, denn er wohnt in dem Quartier des Mahlers H(errn): Martin knollers, eine starke virtlstund von unserm Quartier entfernt, wo ihn die Wohnung nichts kostet (!). Er hat bis hieher seine Sache ziemlich gut gemacht, und hier wird ein schönes Stück Geld machen, dann (denn) er gefällt erstaunlich, und soll(te) dass (das) Concert vor sich gehen, dass die Cavalier ihm verschaffen wollen, so gieb ich ihm auf der Stelle 100 Cigliati dafür. Der Erzherzog (Lombardei-Statthalter Ferdinand) will ihn auch hören …“ Leopold Mozart schrieb am 20. Feb. 1773 an seine Frau in Salzburg: „Heute gegen 12 uhr mittags kam H.: Leutgeb :den ich schon einige täge nicht gesehen : vor mein Bette, dann ich lag noch im Bette, um auszudünsten, und zeigte mir in einem Schreiben die Nachricht, dass seine Fr(au): mit einem Sohn entbunden worden: gab mir zu gleich 5 ganze Souv(e)rain d´or (ca. 45 Taler), um solche seiner Frau bezahlen zu lassen. Bitte demnach H(erren): Hagenauer alsobald diese 15 Duggten (Dukaten), oder 5 ganze Souverain d´or, oder dessen werth der Frau (Barbara) Leutgebin zukommen zu lassen, die ich ihm dan bey meiner ankunft ersetzen werde, und zwar in Natura …“
Diese 5 ganzen Souverain entsprechen im reinen Goldwert heute ungefähr 900 bis 1000 €. Der Kaufwert war aber wegen der im Vergleich zu heute sehr niedrigen Preise für die Familie wesentlich höher, ging es doch eigentlich nur um den Lebensunterhalt. Leutgeb muß allerdings bereits in Wien manchmal ganz ordentlich verdient haben, kostete doch ein eigenes Instrument mit allen Bögen ungefähr ein Jahressalär eines guten Musikers in Festanstellung, also um 300.- fl. (Dr.Horace Fitzpatrick: The Austro-Bohemian Tradition of Hornplaying, Rechnungen zur Anschaffung von Hörnern im Stift Göttweig/Niederösterreich).
Und nun die Briefe aus Wien:
12. August 1773: „…Die Fr(au): Leutgebin war heut wieder bey mir (in Wien), sie wird noch bis kommenden Son(n)tag über 8 tag hier verbleiben …“ 21. August: „..die Fr: Leutgebin hab (ich) seit der Zeit nicht mehr gesehen. Ihrer Sage nach wird sie morgen mit dem Postwagen (nach Salzburg) abreisen; folglich habe ich sicher geglaubt, sie werde heute zu mir kommen: wäre sie gekommen, so hätte (ich) ihr das Waderl (den Fächer) wieder mit gegeben ..“ 25.August: „…H: Leutgeb ist also (nach) Salzburg gekommen ? – mein Compl(iment):! Seine frau habe (ich) nicht mehr gesehen, so daß (ich) nicht weis(s), ob sie noch hier (in Wien) oder abgereiset ist …“ 28. August: „…von der Frau Leutgebin habe (ich) nichts mehr gesehen, denn wäre sie auch gekommen, da wir nicht zu Hause waren, so hätte Fr(au): Fischerin ihr das Waderl, und wenn sie es genommen hätte, ihr auch 2 baar (Paar) schuehe mit gegeben. Da H: Leutgeb, dem wir unser Compl(iment): vermelden , nun selbst da ist, so mag er meinetwegen reisen wie es ihm beliebt, und sol(l)te er mit der fliegenden Luft Maschine reisen. Das Geld, was ich ihr in Salzb(urg) geliehen, bestehet in 6 Cremnützer-duccatten (Kremnitzer Dukaten), und 5 bayr(ischen): Thalern; ihre obligation (Schuldverschreibung) ist in meinem Kasten, in einer der ersten 2 kleinen Schublädchen lincker hand, wenn du in den kasten greiffest…“ 15.September: „..Hat H: Leutgeb die 6 Crem(nützer): und 5 Thal(er) bezahlt! …“
Nach einer mehrjährigen Pause erwähnt Leopold Mozart in einem Brief vom 1. Dezember1777, den er an seine mit Wolfgang Amade in Mannheim weilende Frau schrieb, Leutgeb erneut, und zwar ziemlich ausführlich: „..H: Leutgeb, der itzt in einer vorstatt (Altlerchenfeld) in Wienn ein kleines schneckenhäusl mit einer kässte(ch)erey auf Credit gekauft hat, schrieb an dich und an mich kurz, nachdem du abgereist (23. Sept.), und versprach mich zu bezahlen mit der gewöhnlichen voraussetzung der Gedult, bis er beym käs-Handl reicher wird, und von dir verlangt er ein Concert. Nun wird er aber schon wissen, dass du nicht mehr in Salzb(urg): bist…“ Leopold Mozart hat da offensichtlich einiges verwechselt oder nicht genau gewußt. Und auf diesem Brief basiert der ganze Unsinn vom Käsehändler Leutgeb.
Pisarowitz meint dazu, dass der Kredit zur Neueinrichtung des Wohnerbes seines verstorbenen Schwiegervaters dienen sollte, da ja dessen Witwe diese Käse- und Wurstgerechtigkeit, also das Recht, Käse und Wurst herzustellen, bereits anderweitig vergeben hatte. Im Archiv der Stadt Wien fanden sich Nachweise darüber.
Am 6. Februar 1779 erwarb das Ehepaar Leutgeb bei einer Versteigerung das kleine Haus Altlerchenfeld No.32 „Zu der hl. Dreyfaltigkeit in der Kayserstraße“ (heute Wien VIII. Blindengasse No. 20). Es sollte auch das Sterbehaus beider Eheleute sein.
In der gleichen Zeit taucht in den Rechnungsbüchern der k. k. Hoftheater (2. Oktober 1779 bis 9. April 1784) ein Leutgeb ohne Vornamen als 2. Hornist bei den „Corni“ auf. Es stellt sich dann heraus, daß er Leopold Leutgeb hieß, der 1784 mit einer Abfindung eines Quartals (drei Monate) in der Höhe von 87,30 fl. (Gulden) ausschied. Daraus kann man wieder das Jahreseinkommen eines zweiten Hornisten im Orchester der Hofoper errechnen, nämlich ca. 350 fl. Es war also im Vergleich zum Beginn des Jahrhunderts nur unwesentlich gestiegen. Dazu muß man allerdings wissen, daß auch kaum eine Inflation stattfand.
Allerdings taucht auch unser Joseph Leutgeb in den Abrechnungen der Hofoper auf, als er für den erkrankten ersten Hornisten Jakob Eisen einsprang und dafür 31 fl. erhielt, immerhin fast ein Monatsgehalt.
Barbara Leutgeb starb am 4. Februar 1785 an einem Schlaganfall und Joseph Leutgeb heiratete dann nach nur elf Monaten am 15. Jänner 1786 seine fast gleich alte Nachbarin Franziska Hober oder Huber. Dem Todeseintrag nach überlebte sie Joseph Leutgeb um siebzehn Jahre und starb als 94-jährige am 21. August 1828. Hier hatte sich Pisarowitz um zehn Jahre verrechnet, als er angab, Franziska wäre zur Zeit der Eheschließung mit Joseph Leutgeb erst 42 gewesen. Oder verrechnete sich Hintermaier bei der Angabe „94-jährig“ oder sind die Einträge in den Matrikeln fehlerhaft. Das gilt es jetzt erneut zu prüfen.
Vielen Aufnahmen der Mozartkonzerte liegen Erläuterungen bei, die auf Alfred Einsteins Meinung zu den Konzerten basieren. Er meinte nämlich, das dritte Konzert könne wegen des musikalischen Anspruchs nicht für jenen etwas einfältigen Hornisten Leutgeb gedacht gewesen sein. Wenn er dabei unser K.447 meinte, lag er völlig falsch, da ja Mozart eigenhändig den Namen „Leitgeb“ im dritten Satz nach der ersten und nach der letzten Fermate über der Solostimme eintrug. Wenn Einstein jedoch das als drittes Konzert komponierte K.495 meinte, irrte er noch mehr, da dieses Konzert als „ein Waldhornkonzert für den Leitgeb“ unter Angabe des Kompositionsdatums und des Incipits (Anfangstakte) von Mozart am 26.Juni 1786 in sein eigenhändiges Werkverzeichnis ebenso wie das Quintett K.452 für Klavier und Bläserquartett (30.März 1784) eingetragen wurde.
Die Geschichte um das K.514 (zweites D-Dur Allegro) mit den lustigen Bemerkungen Mozarts kommt etwas später, ebenso die Übertragung ins Englische.
Copyright 2009 by Hans Pizka, D-85551 Kirchheim
Leutgeb-Story
Joseph Leutgeb, der Hornist für den Mozart seine Konzerte schrieb, bedeutet für uns Hornisten sehr viel. Deshalb soll die Lebensgeschichte des oft als „geistig beschränkt“ hingestellten Musikus richtig gestellt werden. Mir liegen nach kurzen Nachforschungen ganz neue Erkenntnisse vor, die von vielen Musikologen-Schreiberlingen gerne übersehen wurden, da sie ihnen höchst unwillkommen gewesen wären. Meist wurde gar nicht geforscht, sondern nur der Unsinn anderer weiter abgeschrieben. Es gab allerdings auch Ausnahmen wie Ernst Hintermaier und den von ihm 1972 zitierten Karl Maria Pisarowitz oder Michael Lorenz. Ich bin nun den Informationen Karl Maria Pisarowitz´ und Ernst Hintermaiers, in die sich leider auch Rechenfehler eingeschlichen haben, nachgegangen. Außerdem versuche ich, die scherzhaften, unter engen Freunden wahrlich nicht beleidigenden oder herabsetzenden Bemerkungen Wolfgang Amadeus Mozarts mit dem musikalischen Text im D-Dur Rondo K.514, das ich schon vor der Deutschen Mozart Gesellschaft in Krakau 1979 aufstöbern durfte, in Übereinstimmung zu bringen.
Nun erst einmal die Fakten:
Seit C.F. Pohl´s auf Grundlage der Societäts-Acten bearbeitete Denkschrift aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens der Tonkünstler-Societät, im Jahre 1862 reorganisiert als „Haydn“, Witwen- und Waisen-Versorgungs-Verein der Tonkünstler in Wien, 1871 erschien, kennen wir Geburts- und Todesdatum Joseph Leutgebs, der allerdings im Societätsverzeichnis unter der Mitgliedsnummer 146 mit Eintritt 16. November 1787 fälschlicherweise als „Ignaz“ Leutgeb eingetragen ist. Damals war er, endlich wieder in fester Anstellung, Mitglied der Hofkapelle des Fürsten Grassalkovich in Pressburg, wohnte aber nach wie vor mit seiner zweiten Frau im eigenen Haus in Altlerchenfeld No.32, heute Wien VIII., Blindengasse No.20. Das Haus hatte er zusammen mit seiner ersten Frau Barbara geb. Plazzeriani am 6. Februar 1779 als Meistbietender ersteigert.
Leutgeb wurde am 8. Oktober 1732 in Wien Neulerchenfeld, Pfarre St.Ulrich (Maria Trost) geboren. Er starb am 27. Februar 1811 in seinem Haus Wien Altlerchenfeld No.32. Aus der Jugend Joseph Leutgebs und von seinen Eltern und deren Herkunft ist vorerst nichts bekannt, da die Kirchenmatrikel der Wiener Pfarre Neulerchenfeld gerade in den Jahren der Geburt Leutgebs kriegsbedingte Lücken aufweist. Jedenfalls ist er in der Mitgliederliste der Haydn-Societät unter der Mitgliedsnummer 146 mit geboren am 8. Oktober 1732 eingetragen. Dittersdorf, sehr von Prinz Friedrich von Sachsen-Hildburghausen, dem erfolgreichen General und Ehemann der sehr viel älteren, aber steinreichen Nichte Prinz Eugens von Savoyen, gefördert, berichtet von einem Konzertabend im Wiener Palais des Prinzen, bei dem er „einen Leutgeb auf einzelnem Waldhorn zu hören bekam“. Es ist aber ein Leutgeb ohne Vornamen. Es stellt sich im Verlauf der Forschung heraus, daß es auch einen Hornisten Leopold Leutgeb gab, der vom 2.Oktober 1779 bis zum 9. April 1784 erst ohne Vornamen dann als Leopold Leutgeb in den Rechnungsbüchern der k. k. Hoftheater als 2. bei den Corni auftaucht und mit einer Dreimonatsbesoldung in der Höhe von 87,30 Gulden als Abfertigung aus dem Dienst scheidet. War es etwa ein Bruder unseres Joseph Leutgeb ? Andererseits wurden „dem Leutgeb Joseph, Waldhornisten, für extra Dienst statt des erkrankten (1. Hornist am Nationaltheater Jakob) Eisen 31 fl. ausbezahlt“.
Wir haben keine Erkenntnis bezüglich der musikalischen Ausbildung Leutgebs. Er taucht eben plötzlich erstmals im Bericht Dittersdorfs über die Konzerte im Sachsen-Hildburghausenschen Palais in Wien auf. Zwischen 1761 und 1763 erscheint Leutgeb als Hornvirtuose mehrfach in den Programmen des Hofburgtheaters mit Werken von Leopold Hofmann, Dittersdorf sowie von Joseph und Michael Haydn (Philipp Gumpenhubers Repertoire der Aufführungen im Hoftheater, das ich an der Universität in Salzburg einsehen konnte.).
Burgtheater (Theater an der Burg)
1757: im Orchester 1 Basson + 2 Corns de Chasse (Starzer und Daniel Ruscher)
1758: p.39 Orch. Cornes de Chasse Winckler + Stadler
1759: p.84 Corns de Chasse Starzer & Daniel Ruscher
1761: 27.Nov. Le 2e Academie de Musique ont chant
p.70 Le S.r Leitgeb sur le Corn de Chasse
Kärntnerthortheater 1761 p.5 Cornes de Chasse Starzer le Pere et Starzer le Fil(s)
1762
Ven.15.01. Academie de Musique
Sig. Leitgeb joue un Concert sur le Cor de Chasse
Sam.16.01. Le Matin. Repetition de Cythere assiegee avec les Choeurs et deux Cors de Chasse extraordinaires et trombettes
Ven.29.01. Le S.r Leitgeb sur le Cor de Chasse, Charles Ditters sur le Violon
02.03.1762 Leitgeb sur le Cor de Chasse
2.e Academie de Musique
Toutes les Pieces ont de entremelees des symphonies
La 2° di Sr.Hoffmann
09.03.1762 Leitgeb sur le Cor de Chasse
La 5° Academie
März 1762, Hörner Gretsch & Keyser
12.04. Cors Leitgeb & Heger
Etat de Musique
Mer.11.05. Leitgeb sur le Cor de Chasse au nouveau de la Compositions du Sr.Hoffmann
Ven.02.07. Le Sr Leitgeb sur le Cor de Chasse de la Composition de Sr.Michel Hayde, Toutes les pieces
08.08.1762 Concert joue le S.ieur Leitgeb un nouveau sur le Cor de Chasse
Ven.10.12. Le Sr Leitgeb sur le Cor de Chasse
Hat die Patenschaft Apollonia Haydns für Barbara Leutgeb etwa mit der Aufführung von Haydns drittem Hornkonzert Hob.VIId/3, das Haydn 1762 „im Schlaf“ komponierte und das uns heute als 1.Konzert in D-Dur geläufig ist, zu tun ? Dann wäre Leutgeb nicht der „Secundhornist“ gewesen, sondern eher ein „Primhornist“ oder der „Universalhornist“ mit einem besonders guten hohen Register. Hat er Haydns Konzert etwa in der Aufführung im (alten) Burgtheater uraufgeführt ? Was hat er von Dittersdorf gespielt ? Da würden hohe Divertimenti passen. Von Leopold Hofmann habe ich da etwas gefunden. Jedenfalls war Joseph Leutgeb in dieser Zeit angeblich der meistgefragte freischaffende Hornist in Wien. Der Aufnahmeakt Leutgebs in die Haydn Societät ist wie fast der gesamte Aktenbestand verschollen. Vor seinem Engagement in Salzburger Diensten trat Leutgeb auch mehrmals in oder mit der von Joseph Haydn geleiteten Hofkapelle des Fürsten Esterhaz auf. Es war aber nur ein einmonatiges Gastspiel.
Joseph Leutgeb und Barbara, die Tochter des bürgerlichen (welschen) Käse- und Wursthändlers Blasius (Biagio) Plazzeriani [Kas-Stecherey] und dessen Frau Catherina, beide noch am Leben, wurden am 2. November 1760 von Pater Johannes in der damaligen Vorstadtpfarrei St. Ulrich (Altlerchenfeld) getraut. Während Braut und Brauteltern in der Pfarre zuhause waren, kam Joseph Leutgeb aus der unmittelbar benachbarten Pfarre Neulerchenfeld. Der Heiratseintrag dokumentiert dies auf Seite 154 im 24. Band (1759/62) wie folgt:
„Josephus Leütgeb, ledigst(ands), ein Musicus, wohnhaft in Neü-Lerchenfelder-Pfarr, gebürtig aldort …“. Das „gebürtig aldort….“ kann wegen des kriegsbedingten Verlustes (1945) gerade des Matrikelbandes mit dem Jahr 1732 nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Vielleicht finden sich dazu in den angefragten Unterlagen noch Hinweise. Ein Eintrag zu dem Hornisten Leopold Leutgeb in den Jahren davor oder danach wäre mehr als eine Sensation. Könnte es ein Bruder, Cousin oder sonstiger Verwandter gewesen sein ? Der Heiratseintrag fährt fort:
„… Nimbt zur Ehe die Ehrn und Tugendsame Jungfr[au]: Barbara Plazzeriani-in, wohnhaft in [im] Heyl[igen]: Geist [Hausname!] im [Alt-]Lerchenfeldt, gebürtig allhier, des Blasy [Blasius] Plazzerinani, eines burg[erlichen]: Käß- und Wurstmachers, und Catherinae dess[en]: Ehewürthin, beed noch in [im] Leben, erzeugte Tochter. Test[es]: H[err]. Gottfried Zehr, k.k. Täts[Tax]-Ambts-Officiant in d[er] Statt [Wien]: H. Paul Marelli, bur[erlicher] Leim-sieder, in [im] Heyl[igen] Geist l[erchen].f[eld]. Cum Dispensione [aufgebotsbefreit]. Cop[ulati]. Die 2:gbris/1760/. R[everendus].P[ater].Johannes“
Lt. Auskunft der Pfarrei war es der 26. Oktober 1760. (Angaben in [ ] sind Ergänzungen.
Dem jungen Paar hat es mit der Heirat offenbar ziemlich pressiert, wurde doch der Erstsproß Ernst Leutgeb, der dann vor seinem Vater gestorbene spätere Uhrmacher, noch Ende 1760 oder gleich am Anfang 1761 geboren. Altlerchenfeld ist heute der VII. Wiener Gemeindebezirk, während Neulerchenfeld unmittelbar benachbart den XVI. Wiener Bezirk bildet.
Vor Leutgebs Übersiedlung wurde die erste Tochter, Anna Maria Katharina, deren Taufpatin Joseph Haydn´s freigiebige Gattin Maria Anna Apollonia sein sollte, geboren. Haydn war übrigens, da am 7. März geboren, nur knapp sieben Monate älter als Leutgeb. Das Haydn-Ehepaar schloß einen Monat nach den Leutgebs in St.Stephan (26. Nov.1760) den Bund fürs Leben. Leutgeb und Haydn waren sicher schon seit der Frühzeit Haydns in Wien miteinander gut bekannt. Man kannte sich damals in der relativ engen Welt der Musiker einfach von vielen Gelegenheiten her. Wie heute auch sprach sich Qualität stets herum.
Taufbuch St. Ulrich: Taufband 30 (1760/62) Seite 314:
„Josephus Leüthgeb, ein Musicus in der golden(en) Aul (Eule) allhier/ Barbara ux(oris). Infans: Anna Maria Catherina / 3. julius 1762 / Matr(ina): Frau Maria Anna Haydenin mar(ita): H(err). Joseph, CapellM(ei)st(e)r von Fürst Esterhaz, abs(entibus)”
Angeblich verstarb diese Tochter bald.
Bald darauf dürfte die Leutgeb-Famile nach Salzburg aufgebrochen sein, da der musikbegeisterte Fürstbischof Sigismund III. Christof Graf von Schrattenbach Leutgeb ins Hoforchester verpflichten ließ. Der ganz junge Mozart und Vater Leopold Mozart könnten Joseph Leutgeb mit ziemlicher Sicherheit bereits 1762 in Wien kennengelernt haben. Vielleicht haben Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart den Joseph Leutgeb sogar mit dem Haydn Konzert gehört.
Nun war dann Leutgeb zehn Jahre lang Jägerhornist und Violinist in der Salzburger Kapelle. Leutgeb erhielt eine Besoldung von 300 Gulden jährlich., wie wir aus der 1769 eingereichten Beschwerde des Salzburger Gesangsrepetitors und Hofsängers Joseph Nikolaus Meißner (1728-95) erfahren: „… Ich genüsse nicht mehr besoldung als andere, nemlich monatlich 25 fl. (Gulden), wo doch ein Leitgeb, der nur ein Instrumentist, sohin nicht in den halben Fälle, wie Ich zu gebrachen ist, monatlich 30 fl. zu erhollen hat…“ (W. Rainer: Anton Cajetan Adlgasser, in Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde“, Salzburg 1965, Bd.105, S.218). Das ergäbe für Leutgeb ein Jahressalär von 360 fl. , das dreieinhalbfache Salär eines Taglöhners, also ungelernten Arbeiters. Die Einkünfte festangestellter Hornisten in Wien oder München waren mit meist dreihundert Gulden jährlich das ganze siebzehnte Jahrhundert hindurch eigentlich festgeschrieben und somit auch nicht höher. Mozart erhielt in Salzburg ein Anfangsjahresgehalt von 150 fl. Später, als Hofkompositeur des Kaisers betrug sein Jahresgehalt 800 fl.
Leutgeb dürfte auch Johann Michael Haydn nach Salzburg empfohlen haben (siehe die Romance des K.447 in der "Reconstruction" von Michael Haydn, heute in der Musikbibliothek der Bayerischen Staatsbibliothek in München.
W.A. Mozart muß sich mit dem „Hornistenonkel“ ziemlich schnell angefreundet haben, da er ihn doch schon auf der großen Westreise der Familie Mozart bereits in Augsburg schmerzlich vermißt. Am 14. September 1763 wurde Joseph Leutgeb zum dritten Male Vater. Sein Frau schenkte ihm wieder einen Sohn, Johann-Anton-Franz (Leitgeb); Taufpate: Johann Anton Kolb, Senator und bürgerl(icher). Handelsfacteur[(Fürst-)Erzbischöfl. Dompfarramt, Taufb. IX]. Wolfgang Amade nimmt später in Wien auf ihn Bezug (23. März 1782), als er seinem Vater durch Leutgebs Sohn, der mit dem Postwagen nach Salzburg reiste, einige Sachen für die Familie mitgeben wollte:
„mir ist sehr leid, dass ich erst gestern erfahren habe, dass ein Sohn vom Leitgeb mit dem Postwagen nach Salzburg geht, und ich folglich die schönste gelegenheit hätte/: ohne unkösten :/ihnen vieles zu schicken. - … Nun muß ich schließen, denn der Leitgeb wartet schon auf den brief. – den Burschen empfehle ich Ihnen wirklich, mein lieber Vatter – er möchte ihn gerne in eine Handlung, oder in die Buchdruckerey bringen. – gehen sie ihm doch ein wenig an die hand. – Ich bitte Sie.“ – und noch am 8.Mai: „…wegen dem armen (Vater) Leitgeb haben sie noch ein wenig gedult, ich bitte sie; wenn sie seine umstände wüssten, und sähen wie er sich behelfen muß, würden sie ganz gewis(s) mitleiden mit ihm haben. Ich werde mit ihm reden, und ich weis(s) gewis(s), er ihnen, wenigstens nach und nach zahlen wird: ….“
Hatte dieser Sohn vielleicht etwas mit jenem Anton Leutgeb zu tun, der Constanze Mozart nach dem Tode ihres Mannes bei der Sichtung der Papiere und Noten half ? Aus der ersten Leutgeb-Ehe entspossen noch zwei weitere Kinder: Maria Anna Barbara (* 2. Nov. 1765 in Salzburg, † nach 1811, Taufpatin: Maria Ursula Kolb, Gattin des schon erwähnten Salzburger Ratsherrn Johann Anton Kolb; verheiratet mit dem Tanzmeister N. Bauckinger in Wien) und Friedrich Joseph (* 4. Feb. 1773 in Salzburg, † nach 1811 in Wien) wurde also während Leutgebs Abwesenheit – er war gerade bei den Mozarts in Mailand – geboren. Später ergriff er den Beruf eines Bandmachers auf der Wieden (4. Wiener Bezirk) (erwähnt in der Verlassenschaftsabhandlung nach seinem Vater (Hackl: Stadtarchiv Wien, Bemerkung 36). Im Taufbuch der Dompfarre Salzburg befindet sich der Eintrag in Band IX, Seite 308 (G.Croll). Der Sohn Leutgebs wurde nach seinem Paten benannt: „Fridericus Josephus Schmid, Stadtgerichtsprocurator“ aus Kloster Michelfeld in der Oberpfalz
(Ernst Hintermaier, Diss. 1972 „Die Salzburger Hofkapelle von 1700 bis 1806 Organisation und Personal“).
Aus der Salzburger Zeit Leutgebs gibt es Berichte zu seinem Salär und zu den Kunstreisen, zu denen der Fürstbischof ihn beurlaubte, sowie zu familiär bedingten Fahrten nach Wien. Anscheinend hielt sich Leutgeb vor dem 25. Oktober 1767 längere Zeit in Wien auf, da Leopold Mozart am 29. November 1767 an Lorenz Hagenauer in Salzburg schrieb: „dass herr hayden, herr Leitgeb … uns besuchten … bevor ich aus Wienn gegangen …“ Am 25. Oktober war nämlich Familie Mozart wegen der sich ausbreitenden Pockenepidemie aus Wien nach Olmütz in Böhmen geflüchtet. (W. Rainer: Anton Caj. Adlgasser …)
Im Winter 1769/1770 wurde Leutgeb Urlaub für eine seiner „Kunstreisen“ gewährt. Kunstreisen waren in jener Zeit oft gerne gewährte Absenzen, da sie den Ruhm der jeweiligen Kapelle und damit des adeligen Herrn und Inhabers diese Kapelle mehren konnten. Leutgebs Reise fühte ihn u.a. auch nach Frankfurt am Main, wo er zusammen mit dem Konzertmeister der Kapelle Herzog Clemens von Bayern in einem Konzert auftrat und großen Erfolg erntete, wie die Postzeitung in Frankfut darüber berichtete:
„Unsere Stadt rechnet sich mit bestem Fug zur Ehre, dass die berühmtesten Künstler und Virtuosen solche zu einem Schauplatz erwählen, um ihre Vorzühge und Talente den Kennern bekannt zu machen. Wir haben ohnlängst (19. und 22. Jänner 1770) das Glück gehabt, den Herrn Holtzbogen [1727-1775] Concertenmeister des Herzogs Clemens von Bayern, Hochfürstl(iche). Durchlaucht, auf der Violin, wie den unseren Gegenden schon bekannten [!] Waldhornisten des Hochfürstlich Salzburgischen Hofes, Herrn Leitgeb, auf dem Waldhorn, in einem öffentlichen Konzert zu bewundern. Beyde seynd in ihrer Art von einer so ausnehmenden Stärke, dass sie den Beifall aller Zuhörer erworben haben.“ (Robert Münster: Johann Georg Holzbogen / Kurfürstl Hofkompositeur aus Schwandorf, in „Oberpfälzer Heimat“, Bd. 9 – 1964 -, S. 43-48)
Hier wurde wieder einmal etwas übersehen: „ ….wie den in unseren Gegenden schon bekannten …..“. Das heißt ganz einfach, daß Leutgeb schon vorher in hessischen Landen oder zumindest in Frankfurt am Main aufgetreten sein muß. Es ist wieder ein Beweis dafür, daß Leutgeb sicher zum Kreis der großen Solisten seiner Zeit gehörte.
Konzert in Paris
Ende April oder ganz früh im Mai 1772 bittet Leutgeb („Joseph Leitgeb, hochfürstl(icher), Hofwaldhornist alhier“ um einen vierzehntägigen Urlaub „Zumahlen meine Ehewirthin (Barbara), auf Anverlangen ihrer kranken Mutter (Catherina Plazzeriani), sich vor 5 Wochen nacher Wienn, alwo sie sich Dato befindet, begeben und ich Endesunterthänigster nunmehro auch von meiner Schwiegermutter verlanget werde, um mich vielleicht das letzte mahl zu sehen, und wegen ihrer Verlassenschaft (!) das richtige herzustellen …“
Dieser Sonderurlaub wurde am 8. Mai 1772 vom Erzbischof unter der Bedingung, dass bei nichterfolgter Rückkunft die Besoldung einzustellen sei (Landesarchiv Salzburg: Hofzahlamt 1772), gewährt. Es war jener Graf Hieronymus Colloredo, mit dem auch W.A. Mozart seine speziellen Erfahrungen machte.
Am 14. und 28. November des gleichen Jahres schrieb Leopold Mozart seiner Frau in Salzburg: „…H(err): Leutgeb (!) will also nach Rom gehen?- - Ich soll ihm schreiben ob hier (Mailand) etwas zu machen wäre? - - dies ist hart zu sagen! …“ und später „…<Sage (dem) H(errn): leitgeb, er soll ke(c)k nach mayland kommen, dan (denn) er würde sich gewiß ehre machen, aber bald.> Ich bitte sage es ihms, dan es liegt mir daran. Adieu.“
Aus dem gleichen Jahr gibt es noch weitere zehn Erwähnungen in fünf Briefen Leopold Mozarts aus Mailand und fünf Briefen dann aus Wien. Der aus salzburgischen Diensten geschiedene vierzigjährige Hornvirtuose muß am Zenit seiner Laufbahn angelangt sein.
9. Jänner 1773: „Ich bin verwundert, dass H: Leutgeb (!) nicht eher von Salz(burg): abgereiset, wenn er schon einmahl solche Gedanken hatte…“ 23. Jänner: „..dem Wolfg(ang): ist leid, dass der Leitgeb zu späth kommt, und seine opera (Lucio Silla: 26.Dez. 1772 !) nicht mehr höret…“ (Nachschrift W.A.Mozarts an seine Schwester: „..il sig(nore): leitgeb e partito tante tardi da salisburgo, che non trovera piu in scena la mia opera, e forse non ci trovera nemeno, se non in viaggio…“ 6. Februar: „… der leitgeb ist noch nicht hier angelangt…“ 13.Februar: „..H:Leutgeb ist vor 8 täg (5.Februar 1773!) abends spät angekommen. Den Sonntag darauf kam er zu uns. Dann hab ich ihn 2 Täg nicht mehr gesehen, denn er wohnt in dem Quartier des Mahlers H(errn): Martin knollers, eine starke virtlstund von unserm Quartier entfernt, wo ihn die Wohnung nichts kostet (!). Er hat bis hieher seine Sache ziemlich gut gemacht, und hier wird ein schönes Stück Geld machen, dann (denn) er gefällt erstaunlich, und soll(te) dass (das) Concert vor sich gehen, dass die Cavalier ihm verschaffen wollen, so gieb ich ihm auf der Stelle 100 Cigliati dafür. Der Erzherzog (Lombardei-Statthalter Ferdinand) will ihn auch hören …“ Leopold Mozart schrieb am 20. Feb. 1773 an seine Frau in Salzburg: „Heute gegen 12 uhr mittags kam H.: Leutgeb :den ich schon einige täge nicht gesehen : vor mein Bette, dann ich lag noch im Bette, um auszudünsten, und zeigte mir in einem Schreiben die Nachricht, dass seine Fr(au): mit einem Sohn entbunden worden: gab mir zu gleich 5 ganze Souv(e)rain d´or (ca. 45 Taler), um solche seiner Frau bezahlen zu lassen. Bitte demnach H(erren): Hagenauer alsobald diese 15 Duggten (Dukaten), oder 5 ganze Souverain d´or, oder dessen werth der Frau (Barbara) Leutgebin zukommen zu lassen, die ich ihm dan bey meiner ankunft ersetzen werde, und zwar in Natura …“
Diese 5 ganzen Souverain entsprechen im reinen Goldwert heute ungefähr 900 bis 1000 €. Der Kaufwert war aber wegen der im Vergleich zu heute sehr niedrigen Preise für die Familie wesentlich höher, ging es doch eigentlich nur um den Lebensunterhalt. Leutgeb muß allerdings bereits in Wien manchmal ganz ordentlich verdient haben, kostete doch ein eigenes Instrument mit allen Bögen ungefähr ein Jahressalär eines guten Musikers in Festanstellung, also um 300.- fl. (Dr.Horace Fitzpatrick: The Austro-Bohemian Tradition of Hornplaying, Rechnungen zur Anschaffung von Hörnern im Stift Göttweig/Niederösterreich).
Und nun die Briefe aus Wien:
12. August 1773: „…Die Fr(au): Leutgebin war heut wieder bey mir (in Wien), sie wird noch bis kommenden Son(n)tag über 8 tag hier verbleiben …“ 21. August: „..die Fr: Leutgebin hab (ich) seit der Zeit nicht mehr gesehen. Ihrer Sage nach wird sie morgen mit dem Postwagen (nach Salzburg) abreisen; folglich habe ich sicher geglaubt, sie werde heute zu mir kommen: wäre sie gekommen, so hätte (ich) ihr das Waderl (den Fächer) wieder mit gegeben ..“ 25.August: „…H: Leutgeb ist also (nach) Salzburg gekommen ? – mein Compl(iment):! Seine frau habe (ich) nicht mehr gesehen, so daß (ich) nicht weis(s), ob sie noch hier (in Wien) oder abgereiset ist …“ 28. August: „…von der Frau Leutgebin habe (ich) nichts mehr gesehen, denn wäre sie auch gekommen, da wir nicht zu Hause waren, so hätte Fr(au): Fischerin ihr das Waderl, und wenn sie es genommen hätte, ihr auch 2 baar (Paar) schuehe mit gegeben. Da H: Leutgeb, dem wir unser Compl(iment): vermelden , nun selbst da ist, so mag er meinetwegen reisen wie es ihm beliebt, und sol(l)te er mit der fliegenden Luft Maschine reisen. Das Geld, was ich ihr in Salzb(urg) geliehen, bestehet in 6 Cremnützer-duccatten (Kremnitzer Dukaten), und 5 bayr(ischen): Thalern; ihre obligation (Schuldverschreibung) ist in meinem Kasten, in einer der ersten 2 kleinen Schublädchen lincker hand, wenn du in den kasten greiffest…“ 15.September: „..Hat H: Leutgeb die 6 Crem(nützer): und 5 Thal(er) bezahlt! …“
Nach einer mehrjährigen Pause erwähnt Leopold Mozart in einem Brief vom 1. Dezember1777, den er an seine mit Wolfgang Amade in Mannheim weilende Frau schrieb, Leutgeb erneut, und zwar ziemlich ausführlich: „..H: Leutgeb, der itzt in einer vorstatt (Altlerchenfeld) in Wienn ein kleines schneckenhäusl mit einer kässte(ch)erey auf Credit gekauft hat, schrieb an dich und an mich kurz, nachdem du abgereist (23. Sept.), und versprach mich zu bezahlen mit der gewöhnlichen voraussetzung der Gedult, bis er beym käs-Handl reicher wird, und von dir verlangt er ein Concert. Nun wird er aber schon wissen, dass du nicht mehr in Salzb(urg): bist…“ Leopold Mozart hat da offensichtlich einiges verwechselt oder nicht genau gewußt. Und auf diesem Brief basiert der ganze Unsinn vom Käsehändler Leutgeb.
Pisarowitz meint dazu, dass der Kredit zur Neueinrichtung des Wohnerbes seines verstorbenen Schwiegervaters dienen sollte, da ja dessen Witwe diese Käse- und Wurstgerechtigkeit, also das Recht, Käse und Wurst herzustellen, bereits anderweitig vergeben hatte. Im Archiv der Stadt Wien fanden sich Nachweise darüber.
Am 6. Februar 1779 erwarb das Ehepaar Leutgeb bei einer Versteigerung das kleine Haus Altlerchenfeld No.32 „Zu der hl. Dreyfaltigkeit in der Kayserstraße“ (heute Wien VIII. Blindengasse No. 20). Es sollte auch das Sterbehaus beider Eheleute sein.
In der gleichen Zeit taucht in den Rechnungsbüchern der k. k. Hoftheater (2. Oktober 1779 bis 9. April 1784) ein Leutgeb ohne Vornamen als 2. Hornist bei den „Corni“ auf. Es stellt sich dann heraus, daß er Leopold Leutgeb hieß, der 1784 mit einer Abfindung eines Quartals (drei Monate) in der Höhe von 87,30 fl. (Gulden) ausschied. Daraus kann man wieder das Jahreseinkommen eines zweiten Hornisten im Orchester der Hofoper errechnen, nämlich ca. 350 fl. Es war also im Vergleich zum Beginn des Jahrhunderts nur unwesentlich gestiegen. Dazu muß man allerdings wissen, daß auch kaum eine Inflation stattfand.
Allerdings taucht auch unser Joseph Leutgeb in den Abrechnungen der Hofoper auf, als er für den erkrankten ersten Hornisten Jakob Eisen einsprang und dafür 31 fl. erhielt, immerhin fast ein Monatsgehalt.
Barbara Leutgeb starb am 4. Februar 1785 an einem Schlaganfall und Joseph Leutgeb heiratete dann nach nur elf Monaten am 15. Jänner 1786 seine fast gleich alte Nachbarin Franziska Hober oder Huber. Dem Todeseintrag nach überlebte sie Joseph Leutgeb um siebzehn Jahre und starb als 94-jährige am 21. August 1828. Hier hatte sich Pisarowitz um zehn Jahre verrechnet, als er angab, Franziska wäre zur Zeit der Eheschließung mit Joseph Leutgeb erst 42 gewesen. Oder verrechnete sich Hintermaier bei der Angabe „94-jährig“ oder sind die Einträge in den Matrikeln fehlerhaft. Das gilt es jetzt erneut zu prüfen.
Vielen Aufnahmen der Mozartkonzerte liegen Erläuterungen bei, die auf Alfred Einsteins Meinung zu den Konzerten basieren. Er meinte nämlich, das dritte Konzert könne wegen des musikalischen Anspruchs nicht für jenen etwas einfältigen Hornisten Leutgeb gedacht gewesen sein. Wenn er dabei unser K.447 meinte, lag er völlig falsch, da ja Mozart eigenhändig den Namen „Leitgeb“ im dritten Satz nach der ersten und nach der letzten Fermate über der Solostimme eintrug. Wenn Einstein jedoch das als drittes Konzert komponierte K.495 meinte, irrte er noch mehr, da dieses Konzert als „ein Waldhornkonzert für den Leitgeb“ unter Angabe des Kompositionsdatums und des Incipits (Anfangstakte) von Mozart am 26.Juni 1786 in sein eigenhändiges Werkverzeichnis ebenso wie das Quintett K.452 für Klavier und Bläserquartett (30.März 1784) eingetragen wurde.
Die Geschichte um das K.514 (zweites D-Dur Allegro) mit den lustigen Bemerkungen Mozarts kommt etwas später, ebenso die Übertragung ins Englische.
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