Interpretation

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Interpretation

Beitragvon DieDreiWeisen » Fr 24. Apr 2009, 16:50

Hallo liebe Kolleginnen und Kollegen,

was haltet ihr von Interpretationen von Werken, die eigentlich original für Horn (und Klavier in dem Fall) komponiert sind (wie dieses Bsp.) und von anderen Instrumenten gespielt werden ?

http://www.youtube.com/watch?v=_RNmyP7z11s

Ist diese Interpretation nicht "falsch"?? Stimmt ihr mir zu, dass kein Hornist das SO spielen würde?
Beziehungsweise ist es notwendig bei der Interpretierung eines Werks sich kundig zu machen über das Original?

Eure Meinung darüber würde mich interessieren!
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Re: Interpretation

Beitragvon Günther » Fr 24. Apr 2009, 17:31

Prinzipiell spricht meiner Meinung nach nichts gegen solche Transskriptionen. So ist ja auch das Adagio und Allegro von Schuhmann glaube ich auch für Cello gedacht. Die Interpretation hier gefällt mir allerdings nicht. Klingt ein wenig zickig. :cry:
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Re: Interpretation

Beitragvon Prof » Fr 24. Apr 2009, 17:33

Das Stück ist doch für Horn oder Cello. Drum finde ich es als legitim, die Romance auch mit dem Cello zu spielen. Natürlich wäre es schöner mit etwas singendem Ton. Es ist alles ziemlich hart - und das bei diesem superweichen Stück. Es fängt schon mit dem "portato" am Beginn an. Das könnte deutlich weicher gespielt werden. Frage: ist es wirklich so schwer, mit einem Cello bei einem derartig leichten Stück 100% sauber zu spielen ?

Eigentlich spielt der Cellist sehr langweilig.
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Re: Interpretation

Beitragvon DieDreiWeisen » Fr 24. Apr 2009, 18:17

Laut Wikipedia ist die Romance für Horn geschrieben und nicht für "oder Cello".

Genauso wie bei "Adagio und Allegro" von Schumann (ohne "h"), definitiv original für Horn. Damals vermutlich eher schwierig am in den Kinderschuhen steckenden Ventilhorn zu bewältigen...deswegen die Transkription für Cello, vermutlich.
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Re: Interpretation

Beitragvon Martin2 » Fr 24. Apr 2009, 18:37

Gegen Umarbeitungen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Es gibt ja auch Hornisten, die Cello- Kompositionen spielen. Und wenn man nichts transskripieren dürfte, was wollte man, z.B. im Hornquartett, dann spielen? Sämtliche Blechbläserensembles müßten dann sofort einpacken.
Vivaldis Konzert für zwei Trompeten klingt mit Parforcehörnern lange nicht so "hupend" wie das Original. Ich habe es auch schon von zwei Violinen gehört (zugegeben, daß war ein ziemliches Gejammer).
Zudem haben die Komponisten nicht selten die Instrumentierung offen gelassen. Es wurde halt benutzt, was gerade zur Verfügung stand.
Sind die Neruda- Konzerte nun für Hörner oder Trompeten geschrieben worden? Wer kann das wissen? Dem Neruda wirds egal gewesen sein. Von Telemann gibts ein Violinkonzert, daß wahlweise auch mit Trompete gespielt werden kann (oder wars umgekehrt?). Leopold Mozarts Konzert für Trompete, zwei Hörner usw. klingt auch mit drei Hörnern seeehhr schön (und quitscht nicht so :mrgreen: )

Also: Ran an die Stücke, die gefallen, umschreiben und spielen! Musik soll schließlich Spaß machen und "Dienstliches" muß man zur Genüge trällern.
(Aber warum spielt der Cellist im Video so "abgehackt"? Oder meine ich das nur???)
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Re: Interpretation

Beitragvon DieDreiWeisen » Fr 24. Apr 2009, 21:24

Ich sehe das nicht so!
Vielleicht ist auch das der Grund wieso ich Blechbläserensemble nicht so schätze. Originalliteratur am Originalinstrument (und im Notfall auch an der Weiterentwicklung des Originalinstruments) ist schon was ganz besonderes, finde ich.
Ansonsten hätte der Komponist ja geschrieben "Romance für irgendein Instrument", oder? ;)

Ich finde es nur bedenklich, wenn man ein Werk, welches nicht für's eigene Instrument ist, mit "falscher" Interpretation und unreiner Intonation ins Netz stellt.
Okay, Youtube hin oder her, aber das Video versucht ja einen eher professionellen Charakter so vermitteln, keinen Dilettantismus.
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Re: Interpretation

Beitragvon George » Fr 24. Apr 2009, 22:20

Der Youtube-Vortrag ist langweilig und unsauber - irgendwie fehlts da deutlich an Musikalität, gerade ein Cello sollte doch nun wirklich singen können?!

Was Bearbeitungen im Allgemeinen angeht, so gibt es sehr schöne und hörenswerte, die natürlich einem anderen akustischen Anspruch als das Original genügen. Aber das sollte kein Grund sein, sich dem zu entziehen. Und wenn ich mich richtig erinnere, ist das ein oder andere Stück auch erst durch seine Bearbeitung richtig bekannt geworden.
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Re: Interpretation

Beitragvon Thomas » Fr 24. Apr 2009, 23:22

DieDreiWeisen hat geschrieben:Ich sehe das nicht so!
Vielleicht ist auch das der Grund wieso ich Blechbläserensemble nicht so schätze. Originalliteratur am Originalinstrument (und im Notfall auch an der Weiterentwicklung des Originalinstruments) ist schon was ganz besonderes, finde ich.
Ansonsten hätte der Komponist ja geschrieben "Romance für irgendein Instrument", oder? ;)

Ich finde es nur bedenklich, wenn man ein Werk, welches nicht für's eigene Instrument ist, mit "falscher" Interpretation und unreiner Intonation ins Netz stellt.
Okay, Youtube hin oder her, aber das Video versucht ja einen eher professionellen Charakter so vermitteln, keinen Dilettantismus.


Das sehe ich anders.
Gerade das Blechquintett schätze ich sehr und spiele dort sehr viel lieber als zB. im Bläserquintett, auch wenn man in ersterem hauptsächlich Bearbeitungen spielt.

Es gab ja Zeiten, in denen noch gar nicht für bestimmte Instrumente bzw. Besetzungen geschrieben wurde und man Werke halt auf den gerade jeweils vorhandenen Instrumenten aufführte. Vokalwerke der Renaissance eignen sich zB. hervorragend für Bearbeitungen.

Gibt natürlich auch schlechte und/oder abstruse Bearbeitungen. Hab zB. noch kein für Blechquintett bearbeitetes Stück aus der Wiener Klassik gesehen, was mir gefallen hätte.
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Re: Interpretation

Beitragvon www_corno_de » Sa 25. Apr 2009, 04:59

Schumanns im Februar 1849 entstandenes Adagio und Allegro ist für Horn oder Violoncello oder Violine!
Zunächst hatte Schumann das Adagio (und nur das Adagio) auch als Romanze bezeichnet und für das Horn und Klavier komponiert (siehe Skizzen des Werkes im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf).
Die Uraufführung des Werkes war am 26.1.1850 in Dresden mit Clara Schumann und dem Geiger (!) Franz Schubert. Mit dem Hornisten Julius Schlitterlau aus Dresden ist am 2.3 1849 nur eine Probe überliefert. Keine Aufführung und das Werk hat keine Widmung an einen Solisten. Vielleicht dämmerte da Schumann, was er für ein schweres Werk komponiert hatte.
Er schreibt am 11.3.1849 an den Verleger Senff vom Verlag Kistner: Ich habe vor kurzem ein Adagio mit ausgeführten, brillantem Allegro für Pianoforte und Horn (oder Violoncello) geschrieben und Freude daran gehabt, als ich`s hörte. Es steht Hrn. Kistner zu Diensten
Am 19.3.1849 schreibt Schumann noch einmal Kistner: Sodann erhalten Sie nebst dem Verlagsschein das Manuscript des Adagio und Allegro für Pfte und Horn, welchem auch die Violincell- u. Violinstimme beiliegt.
Das Werk ist also von Schumann selber so arrangiert. Gründe waren wohl zwei, der hohe bläserische Anspruch machte das Werk nur für sehr wenige Hornsolisten spielbar. Rein kaufmännisch war dieses Werk kaum an den Mann zu bringen, für Streicher jedoch ist es ein relativ einfaches Kammermusik. Hier sah der Verlag Kistner sicher auch seine Kundschaft. Im Juli 1849 kam der Druck dann mit Horn-, Violinen- und Cellostimme heraus und Schumann konnte sich über 10 Louisdors als Honorar freuen.
Robert Ostermeyer Musikedition
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Re: Interpretation

Beitragvon Prof » Sa 25. Apr 2009, 08:18

Robert hat uns eine präzise Information geliefert. Ergänzend sollte noch gesagt werden, daß damals Komponisten oft auch Werke für Freunde schrieben und dabei nicht an Einkünfte dachten. Schumann hat sein op.70 offensichtlich am hornistische Können der Spitzenhornisten der Schuncke-Familie ausgerichtet. Auf dem F-Horn sollte op.70 für einen echten Allroundhornisten zwar schwer und anstrengend, jedoch ein Standardstück des persönlichen Repertoires sein. Das ging auch auf den frühen Ventilhörnern ganz gut. Wer jedoch nicht ständig gefordert ist, wird mit dem Stück einige Schwierigkeiten haben. Wer die Tiefe nicht pflegt, hat Probleme im Adagio. Wer von as2 oder b2 und besonders vom c3 Angst hat, sollte von op.70 auch die Finger lassen. Wenn man die Luft gut kontrollieren kann und die Töne sauber anstößt, sich dazu vom Lesen des Notentextes loslöst (alles im Kopf) und auch bei schnellen und langen Passagen im oberen Bereich locker bleiben kann, der sollte das Stück ständig in seinem Repertoire haben. Man kann mit op.70 (fast) alle Seiten des Horns sehr gut zeigen.

Zur Romanze von Saint-Saens:
Wikipedia ist eben doch keine verläßliche Quelle.
Die Romanze wurde sowohl in der Klavier- als auch in der Orchesterfassung für Horn oder Violoncello komponiert (Quelle: alter Druck, Edmond Leloir & altes Rieman: Musiklexikon).
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